Plädoyer für eine rhetorische Entscheidungsfrage

Überhört

Morgens, wenn Herr Stucki und Frau Oberhänsli pünktlich um 07:17 Uhr am Barfüsserplatz den Bus Richtung Hauptbahnhof besteigen, Tim sich in letzter Sekunde noch durch die Schiebetüren der S-Bahn bis Oerlikon zwängt und Frau Kunz das Tram zur Haltestelle Zytglogge nimmt – genau dann ereignet sich flächendeckend synchron im Dämmerlicht des Tagesanbruchs ein gar eidgenössisches Phänomen.

Aufmerksame Zeugen dieser kuriosen Erscheinung sind versucht, sich im ersten Augenblick auf ihre allgemeine Schlaftrunkenheit zu früher Stunde zu berufen. Und gefiltert durch die morgendlich gedämpfte Sinneswahrnehmung könnte man sie tatsächlich fast überhören – die banalste Entscheidungsfrage der Schweiz schlechthin: «Isch do no frei?»

Wie ein Fels in der Brandung

«Isch do no frei?» folgt unausweichlich im Kanon, mehrstimmig und wohlgemerkt TROTZ Sicht auf freie Plätze beim frühen Startschuss um eine ÖV-Sitzgelegenheit. Sie fragen sich, was da schon besonderes dabei sein soll? Schweizer sind eben Menschen mit vorbildlicher Kinderstube, werden Sie sagen, warum also eine wortklauberische Analyse dieser Höflichkeitsphrase? Nun, die Auszeichnung «wohl am häufigsten formulierter Satz in Mundart» verdient schon eine gewisse Anerkennung, finden Sie nicht? Doch der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Und so versteckt sich hinter dem saloppen «Isch do no frei?» wesentlich mehr als eine Floskel.

Ich meine es ernst, wenn ich sage, dass «Isch do no frei?» die wohl meistgesprochene Phrase der Schweiz ist. ich wage sogar zu behaupten, dass dieser Satz vor dem «Grüezi» kommt – so plakativ und omnipräsent ist der Slogan. Besonders merkwürdig ist daran, dass die Frage immer im selben Wortlaut ausgesprochen wird. Wir vermeiden Formulierungen wie «Dörf I do ane sitze?» oder «Isch de Platz do no frei?». Für jede andere Frage gibt es unzählige Varianten. Das stille Örtchen suchen wir mit «Chönd Sie mir säge, wo s’WC isch?» oder «Wo bitte isch s’WC?». Doch «Isch do no frei» steht wie ein Fels in der Brandung.

Das Ego nimmt Platz

Soziopsychologisch gesehen, verbirgt der Mensch hinter einer höflich formulierten rhetorischen Frage oft eine Ankündigung oder Bekanntmachung, wenn nicht sogar eine Drohung. Wir artikulieren zwar ein zuvorkommendes «Isch do no frei?», meinen im Grunde aber: «Achtung, ich sitz etz do ane, nur zur Info!» Dabei kündigen wir Nähe an und betreten den intimen Raum des Anderen. Es ist nicht mal eine ordentliche Körpermasse erforderlich, um unweigerlich ein Zusammenrücken im Abteil zu provozieren. Das Ego nimmt Platz.

Als Verkaufstrainer & Speaker beobachte ich leidenschaftlich gerne Menschen in Alltagssituationen. Ich habe mich nun gefragt, was wohl der Grund für die Popularität dieser charismatischen Wortfolge ist. Vielleicht scheint es relevant, dass wir Schweizer Weltmeister im ÖV-Fahren sind, oder dass wir eines der dichtesten ÖV-Netze der Welt haben. Doch in Japan sieht es ja ähnlich aus und dort werden freie Sitzplätze ohne Wortwechsel sozusagen «gesittet» erstürmt. So gesehen sind wir also nicht lediglich Opfer unserer vorbildlichen Infrastruktur kombiniert mit einer guten Erziehung. Das wäre zu einfach.

Raum und Grenzen

Die Antwort finden wir, indem wir die morgendliche Szene mit der Sitzplatzsuche umgestalten, indem wir das «Isch do no frei?» einfach mal weglassen. Oder noch besser, wir setzen den Hauptakteur, Herr Meier, ohne Kommentar direkt neben eine Pendlerin, obwohl gleich nebenan noch ein ganzes Abteil frei ist. In beiden Fällen würden wir mehr oder weniger einen schlechten Eindruck hinterlassen, weil wir Grenzen überschreiten, ohne abzuwarten, ob die Mitfahrerin oder der Mitfahrer ihre oder seine Zustimmung gibt und Nähe zulässt.

Raum ist ein Nichts, das wir oft vernachlässigen. Jedes Ding, jede Materie, jeder Bürostuhl oder jede Kaffeetasse ist umgeben von Raum. Wenn wir in den Nachthimmel schauen, dann sind dort Sterne, aber was uns eigentlich in den Bann zieht, ist der unendliche und unbeschreibliche Raum drum herum. Man könnte es soweit denken, dass es ohne Raum, keine Materie gibt. Sie sind unzertrennliche Teile des Grossen Ganzen – wenn man so will.

Stellen Sie sich nur vor, durch welche emotionalen Stadien Herr und Frau Schweizer jeden Morgen gehen, wenn sie sich zum Arbeitsplatz befördern lassen. Da sind die Gewohnheitstiere, die täglich ihren Stammplatz anvisieren und wehe, der ist schon besetzt. Dann steigt unweigerlich innerlich Unruhe auf. Oder Herr Morgenmuffel, der möglichst alleine sitzen will und sich gekonnt in seinem
Abteil mit Kopfhörern oder Zeitung abschottet und zusätzlich noch seine Aktentasche auf den Nebensitz stellt, um sein Territorium zu markieren. Für ihn ist jeder Arbeitsweg ohne unnötigen Austausch ein Erfolgserlebnis. Frau Heimlifeiss indessen mustert verstohlen über die Reflektion der dunklen Scheiben (besonders bei Tunnelfahrten) das Gegenüber und verspürt dabei voyeuristische Reize. Dabei kann es schon vorkommen, dass sich entlarvende Blicke kreuzen. Die sind aber als zufällige Peinlichkeit schnell weggeblinzelt.

Gelebte Kommunikationskultur

Nochmals. «Isch do no frei?» hat eine ganz klare Funktion. Sobald ein Abteil mit einer Person besetzt ist, stellen wir in der Regel diese Frage. Diese automatisierte Art von verbaler Kommunikation gibt allen Beteiligten Sicherheit und stellt klare Raumverhältnisse her, indem eine vermeintliche Grenzüberschreitung angekündigt wird. Mit dem Konsens der oder des Befragten trifft man sich auf einer gemeinsamen Ebene der Akzeptanz. Das ist gelebte Kommunikationskultur der ganz urchigen, aber effektiven Art. Dieser Sachverhalt ist im Grunde auch Basis für die meisten Verkaufsabläufe oder den berühmten ersten Eindruck.

Im Schweizer Gesellschaftsleben besticht die Phrase «Isch do no frei?» als täglicher Begleiter. Wenn uns bewusst ist, wofür diese 12 Buchstaben wirklich stehen, können wir auch beginnen, flexibler mit ihnen umzugehen und eine gewisse Roboterhaftigkeit abzulegen. Auch mit einer herzlich vorgetragenen Variante werden wir jetzt auf Zustimmung stossen. Für Meisterinnen und Meister ihres Faches bietet sich auch ein schlichtes ehrlich gemeintes freundliches Lächeln an, ohne dass wir befürchten müssten in absehbarer Zeit «Isch do no frei?» als eidgenössisches Kulturgut zu vernachlässigen. «Wüsset Sie wan’ I mein?»

2 Kommentare
  1. Eric-Oliver Mächler
    Eric-Oliver Mächler sagte:

    Eine Interessante Analyse die du hier machst, lieber Daniel. Ich gehöre auch zu den Leuten die das sagen und ich empfinde es persönlich als sehr unhöflich und rege mich immer auf – wenn es Leute gibt, die – ungefragt – einfach hinsetzen.

    Übrigens die Frage ist nicht nur rhetorisch gemeint sondern auch ernst gemeint. Als Nur-ÖV’ler sehe ich oft wie Leute alleine im 4er Abteil sitzen und überall liegen Kleider rum – da weiss man nie ist der Platz jetzt wirklich besetzt oder noch frei – also fragt man nach – und dann bleibt einem die Peinlichkeit erspart wenn man sich hingesetzt hat und dann später merkt, da kommt einer vom WC oder Restaurant….

    Und noch was – als Gefragter – habe ich so die Möglichkeit zu entscheiden ob ich den „neben mir“ will oder nicht – nix schlimmeres als Zug fahren als Presswurst 🙂

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    • Alber
      Alber sagte:

      Mich nervt diese einfältige Frage. Woher soll ich wissen ob der freie Platz in meinem Abteil von jemandem reserviert wurde! Und wie dumm antworten Sie, wenn Sie entscheiden den “neben mir” nicht zu wollen? Tztztz….

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