Beim Zahnarzt

Sie lesen ganz richtig. Beim Zahnarzt. Bestimmt fragen Sie sich jetzt, was ein Zahnarztbesuch mit einem Kauferlebnis zu tun hat… Sehr viel sogar. Also: Ich betrete die Praxis meines neuen Zahnarztes. Termin 11.00 Uhr. Man bittet mich Platz zu nehmen.

Jetzt kommt’s: Um 11.02 kommt der Chef-Zahnarzt persönlich um mich abzuholen. Handschlag: Grüezi Herr Enz, folgen Sie mir doch bitte in die Praxis. Im Zimmer wartet schon seine Assistentin, welche sich persönlich vorstellt. Wieder Handschlag. Zuerst erklärt er mir meine Röntgenbilder im Detail. Ein Stück Zahn ist abgebrochen – sprich ein wenig Bohren und dann auffüllen, versiegeln. So. Während ich vom grellen Licht geblendet auf dem Behandlungsstuhl liege, erklärt der Profi Schritt für Schritt was genau er so treibt und was die Vor- und Nachteile dabei sind. Interessant, denke ich. Da ich wegen des Gefummels in meinem Mund nicht sprechen kann, liest er meine Mimik und merkt, dass ich Fragen zum Prozedere habe. Runzle ich die Augenbrauen, geht er in die Tiefe und erklärt noch genauer. Es gibt Sie also doch – die Maulklempner mit dem Einfühlvermögen der Kinderzahnärzte. Im Hintergrund läuft Radio und er nimmt sich die Freiheit, hin und wieder zur Musik mitzusummen. Ich bin irritiert, denn ich erinnere mich an meinen vorherigen Zahnarzt. Maul auf – Werkzeug rein – Spucke raus und Rechnung hier! Jetzt wurde mir klar, dass dieser Neue hier seine Dienstleistung und seine Persönlichkeit hervorragend verkauft. Er ging sogar noch weiter indem er mich bat, mit meinem Zeigefinger das kleine Plättchen an mein Zahnfleisch zu drücken. „Sie sind ja ein Profi – Herr Enz“, so seine Worte. Ich denke: Was geht denn hier ab? Ist das tatsächlich ein Erlebnis-Zahnarzt mit aktivem Mit-Mach-Fun-Faktor? Definitiv ungewohnt und doch sehr willkommen. Um 11.22 sind wir tatsächlich fertig. Er verabschiedet sich höflich. Handschlag. Als die Rechnung eintrifft, kann ich trotz viel Taxwert-Latein zum ersten Mal in meinem Leben nachvollziehen, wie sich der Betrag zusammensetzt. Dank meinem neuen Zahnarzt, der begriffen hat – dass man auch vermeintlich unverkaufbare Dienstleistungen positiv an den Kunden bringen kann. Und dies ohne Schweizer Illustrierte und Automobile-Revue vom Juli 2008 im Warteraum.

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